Schamrot: Eine niederrheinische Kindheit.

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Autofiktion von Johanna Hansen

Viel erstaunlicher als die Menge historischer Ereignisse, die man in seinem Leben so mitbekommt, ist ja eigentlich, wie massiv sich innerhalb von nur einer biografischen Zeitspanne von 60, 70 Jahren der Alltag, die gesellschaftlichen Konventionen und das Menschenbild verändern. Was den Nachfolgenden schon nur noch als Echo aus einer altertümlichen, ja manchmal befremdlichen Vorepoche erscheint, ist für die Älteren selbst noch ganz lebendige Vergangenheit.

Diese Differenz zu überbrücken, den unmittelbaren Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart auch für Jüngere lebendig erfahrbar zu machen, gelingt der Literatur wie keinem anderen Medium – zum Teil natürlich durch die Vermittlung von faktischem Wissen, hauptsächlich aber durch eine sinnlich konkrete, eben literarische Gestaltung biografischer Erfahrungen.

Johanna Hansens autofiktionales Buch „Schamrot: Eine niederrheinische Kindheit“ ist genau solch ein Stück Literatur. Auf 212 Seiten erzählt es von einer Kindheit und Jugend in einem niederrheinischen Dorf bei Kalkar von Mitte der 1950er bis in die 1970er Jahre.

Von Erziehung und Zurichtung

Welche Regelapparate der Erziehung und Zurichtung herrschten damals noch: Da ist zum einen die ungebrochene Anwendung nationalsozialistischer Ideologie in Form von Johanna Haarers NS- und Nachkriegs-Bestseller "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" (hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder). Zum anderen gelten – auf dem Dorf noch durchdringender und allgemeingültiger als in der Stadt – die strengen Vorschriften der Kirche, mit denen sie den Menschen als ein angeblich grundlegend von Sünde verdorbenes Wesen im Griff behalten wollte. Und als wäre das noch nicht genug, liegt über allem das kollektive Schweigen über die Verbrechen und Traumata des Weltkriegs, die sich in Körper und Geist der Älteren eingeschrieben haben und gerade dadurch auch noch an die nächste Generation weitergegeben werden.

So entsteht eine enge, eine einschnürende Welt, aus der sich die Menschen nur ganz kleine, die Strukturen nicht in Frage stellende Fluchten gestatten: durch das Fortträumen in ein anderes, großzügiges und emotional reiches Leben, wie es die unter dem Tisch ausgetauschten Groschenromane vorspiegeln, oder durch kurzzeitige, dafür manchmal umso gröbere Ausbrüche von Lust und Freiheit bei Festivitäten wie dem örtlichen Schützenfest.

Vom Anderssein

Beschrieben wird diese Welt in Johanna Hansens Buch aus der Sicht eines Kindes, das sich bemüht, zu verstehen und unbedingt auch Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Viele Zitate zum einen aus Liedern, die die Mutter singt, zum anderen aus Redensarten oder religiösen Texten zeigen, in welch überforderndem Ausmaß die Formatierungswut auf das Kind einwirkt. Dabei aber erfährt es sich quasi in Permanenz als anders und abgetrennt.

Die Glaswände, die das frühgeborene Kind über Wochen hinweg im Brutkasten umgeben und isolieren, setzen dafür das paradigmatische Anfangsbild. Ein schweres Asthma mit Panikattacken und eine andere Weltwahrnehmung, für die es erst Jahrzehnte später eine Diagnose gibt, schließen es über die weiteren Jahre nicht nur gesundheitlich von vielem aus, es erfährt darüber hinaus in Schule und Familie regelmäßig Unverständnis und Ablehnung ob seines Verhaltens. Die das Kind zutiefst verunsichernde Frage, warum nur es so anders ist, wird in diesem Kontext erschreckend beantwortet: „Es muss etwas sehr Schlimmes getan haben, das Gott mit Krankheit straft. Das jedenfalls ist die Meinung der Großmutter. Was hast du verbrochen, obwohl du getauft bist? Es gibt nur eine Schlussfolgerung daraus: es ist äußerst mangelhaft, und seine einzige Chance liegt darin, ein Engel zu werden.“

Um so wichtigere Überlebensmittel sind dagegen die Erfahrung der Natur und die Entdeckung von Musik und Tanz. Hier erfährt das Kind alles, was in Familie und Schule als Spinnerei abgewertet wird, zunächst als Fluchtraum und später auch als seine individuellen existentiellen Energien: eine überaus sensitive Wahrnehmungsfähigkeit mit einem großen Gespür für Farben, Wörter, Klänge, und insbesondere auch Fantasie und Vorstellungskraft.

Von der literarischen Gestaltung

Was Johanna Hansens Buch von anderen autofiktionalen Texten abhebt, ist ein poetischer Raum, in dem den Leser:innen auf sehr berührende Weise die Gefühlswelt des Kindes nahegebracht wird und der zugleich die Weite besitzt, um selbst zwar andersartige, aber doch vergleichbare Erfahrungen der Lesenden aufzunehmen. Die Autorin schafft diesen Raum zum einen mittels zahlreicher Passagen, die als assoziationsreiche, vieldeutige Prosagedichte den konkreten autobiografischen Bericht durchziehen, und zum anderen, indem sie immer wieder die zeitliche Linearität zu Gunsten inhaltlicher, innerer Zusammenhänge aufhebt.

Für das erste Kapitel von knapp 100 Seiten, in dem diese Verbindung von konkreter Erzählung und poetischem Raum besonders gelungen ist, sollte man sich deshalb genug Zeit zum Lesen nehmen. Das zweite Kapitel hingegen wirkt zunehmend so, als hätten für eine Fortführung dieses Prinzips der Platz und/oder die Schreibzeit nicht gereicht. Die poetischen Passagen werden deutlich weniger und auch der Erkenntnis schaffende externalisierte Blick auf „das Kind“ ist zu Gunsten des erzählenden „Ich“ weitgehend aufgegeben. So wird das Buch im zweiten Teil eher zur klassisch autobiografischen Erzählung einer einzelnen Künstlerinnenexistenz. Was dort erzählt wird, ist immer noch interessant, umso mehr, wenn man sich weiter mit dem umfassenden Werk der Lyrikerin und Malerin Johanna Hansen beschäftigt, aber auch schade, weil so die Anschlussfähigkeit des Exemplarischen ein wenig verlorengeht.

Unabhängig davon jedoch macht die Zusammenführung von individueller Lebenserfahrung, gesellschaftlicher Struktur und nicht zuletzt niederrheinisch-dörflich-katholischem Sozialraum „Schamrot“ zu einer sehr lohnenswerten Lektüre.

Johanna Hansen - Schamrot: Eine niederrheinische Kindheit. Autofiktion. 212 Seiten. edition offenes feld, Dortmund 2025

(TH)

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