Gedichte von Liesel Willems
Am 30. März stellt Liesel Willems ihren neuen Gedichtband bei uns im Literaturhaus vor. Die nachfolgende perfekte Rezension des Buches hat uns dankenswerterweise die Kulturredakteurin der Rheinischen Post, Petra Diederichs, zur Verfügung gestellt:
Es sind die kleinen Episoden im Alltag, die jeder kennt: Liesel Willems macht daraus wundervoll schnörkellose Poesie. Da geht die große Angst vor Alter, Tod und Krieg ebenso direkt in die Seele wie das Glück übers Leben.
Eines der berühmtesten Gedichte übers Abschiednehmen hat Hermann Hesse geschrieben: „Stufen“. Der meist zitierte Vers daraus ist „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Für die neuen Gedichte von Liesel Willems gilt die Umkehrung: Jedem Abschied wohnt ein Zauber inne. Es ist der Zauber des Glücks und des Lebens, der im Verblassen noch einmal alles mit letztem Licht strahlen lässt. „Bleibschein“ heißt der Band mit 120 Gedichten, der zum Jahresende 2024 im Sassafras Verlag erschienen ist.
Wer die Texte der Niederrheinischen Literaturpreisträgerin kennt, wird auch bei dieser Fülle von Gedichten keinen Wälzer erwarten. Es sind schmale 98 Seiten, die aber inhaltlich schwer wiegen – auch wenn sie ganz gefällig auf leichten Füßen daherkommen. Zeilen und Textbilder hängen sich beim Lesen ein und schaukeln später immer wieder hoch. Das Bild eines kleinen Stadthauses, dessen Verlassensein, Verwahrlosung und Verfall Willems in vier Fortsetzungegedichten schildert, ist so klar wie der Moment, in dem ein Kind glückstrahlend und jauchzend im Supermarkt auf sie zustürmt, wie die Angst der Erwachsenen, wenn das kleine Kind mit dem Stuhl kippelt und wie man sich Geduld abringt, weil der Nachwuchs mit Händen, Füßen und bunter Farbe den Teppich zur Malfläche macht.
Willems betrachtet die Momentaufnahmen aus der Perspektive des Alters, mit einem Lebensschatz voller Erfahrung, der aber nicht abgeschlossen ist, sondern sich mit immer neuen Entdeckungen vermehrt. Alles schmeckt nach Abschied in den manchmal wenige Zeilen umfassenden, manchmal seitenfüllenden Gedichten. Das ist melancholisch, bittersüß, niemals jammernd oder larmoyant. Liesel Willems ist Meisterin im Finden des richtigen Tons. Deshalb gibt es keine Bleischwere in den Texten.
Der Krieg ist natürlich Thema. Der Krieg „vor der Haustür“, vor dem man in behagliche Situationen flüchten möchte. Der Krieg, der unvorstellbar ist, für die, die kein Bein, keine Schwester, keinen Mann verloren haben und kein Kind in eisigem Boden begraben mussten: „Wer zog dir das große Los aus den Nieten für alle, die auf der Flucht, fern von Tisch und Bett, ohne ein Fenster mit Aussicht, eine Katze die heimisch“.
Verloren hat sie „die Treue mit der sie an ihr Leben geknüpft war. Man glaubte von Glück reden zu können, am Lauf der Geschichte vermessen“. So unaufdringlich kommt die Mehrdeutigkeit von der Vermessenheit und dem falschen Messen.
Die Gedichte sind acht Kapiteln zugewiesen, die zusammenfassen, worum es geht: Abschiede, Begegnungen, kleine Menschen, Eigentümliches oder Naheliegendes, zum Beispiel. Über allen schwebt der Titel „Bleibschein“: Dass Augenblicke, die sich wie Ewigkeiten anfühlen, bleiben, ist Trug und Schein. Für Glück und Gesundheit gibt es keine Bleibe-Garantie, auch nicht fürs Leben.
Liesel Willems’ Sprache ist klar und unprätentiös, aber sie öffnet die Fantasie der Leser. „Damals/, als wir uns übertönen wollten/ sprachen wir nicht vom Abschied./ Altsein schoben wir in die Ferne,/ wie einen fremden,/ unerreichbaren Kontinent,/ In welcher Eile wir einreisen würden/ bedachten wir nicht.“ Das bange Gefühl vor dem endgültigen Abschied, das Verblassen der Lebensstrahlkraft, das Schwinden von Kraft, das auch schmerzt, wenn man es an einem geliebten Menschen wahrnimmt, lässt immer auch das Glück zu, das es auf dem Weg gegeben hat.
Seit 45 Jahren veröffentlicht Liesel Willems Gedichte und Geschichten. Sie war eine Autorin der ersten Stunde im Sassafras Verlag, Mitglied und Mitbegründerin der mehr als 20 Jahre lang existierenden Literaturwerkstatt von Verleger Klaus Ulrich Düsselberg. Nach dessen Tod hat sie redaktionelle Aufgaben für die Zeitschrift „Literatur am Niederrhein“ übernommen. Für ihre Lyrik, Erzählungen und Kinderbücher ist sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem NRW-Lyrikpreis 2014 und dem Niederrheinischen Literaturpreis 2018.
Den Blick auf die Welt setzt Liesel Willems mit Worten in Szene. Mit Wärme schaut sie auf die, die in der reichen Gesellschaft, Armut leiden, auf die, die oft nicht gesehen werden und immer fremd bleiben, und auf die Natur. Damit vermeidet sie das Lamento. So lassen sich viele Texte auch als Liebesgedichte lesen – sogar an einen Baum, mit dem das lyrische Ich aufgewachsen ist, ein „schütter gewordener“ Apfelbaum. Jetzt ist vom Fällen die Rede oder wie es heißt: „vom Recht auf Sterbehilfe“.
Johanna Hansen, Autorin, Malerin und seit 2013 Herausgeberin der Literaturzeitschrift „Wortschau“, hat den Gedichtband mit kleinen poetischen Zeichnungen versehen, deren Bildsprache wunderbar mit dem Ton der Dichterin korrespondieren. Und doch erzählen sie eigene Geschichten, denen man nachspüren mag. Hansen lebt in Düsseldorf und gibt auch eigene Gedichte mit ihren Zeichnungen heraus. Dafür hat sie mehrere Preise und Arbeitsstipendien erhalten.
Gastrezension: Petra Diederichs (zuerst erschienen in: Rheinische Post, Krefeld, 14.01.2025)
Liesel Willems: Bleibschein. Gedichte. 98 Seiten, Sassafras Verlag Krefeld 2024, 15 €, ISBN 978-3-922690-98-6 oder über sassafras-verlag@gmx.de