Preisträger:innen © Reinhold Janowitz

Short Story Wettbewerb: Die Preisreden

Veröffentlicht am
Kategorisiert als #News Verschlagwortet mit , , , , , , ,

Von einem folgenreichen Sturz in ein Schlagloch, einem hilfreichen Koffer, einem postmortalen Life Service Programm, dem Überleben und Sterben im Konzentrationslager und einem fahrenden Milchmann im Iran handeln die fünf Kurzgeschichten, die wir beim Schreibwettbewerb anlässlich unseres Short Story Festivals im Alten Stadtbad ausgezeichnet haben. Während des Festivals am 16. August wurden den fünf Preisträger:innen Cornelius Gebert, Tina Schlegel, Sorush Mozaffar Moghaddam, Elay Leifeld und Vera Lörks die Urkunden überreicht. Hier unsere kurzen Lobreden auf die ausgezeichneten Texte:

3 mal Platz 3

Elay Leifeld: After-Life-Service-Programm

Gestaltung © Elay Leifeld

Elay Leifeld (Krefeld) verdient sein Geld als Chemielaborant und studiert in Teilzeit. Seit 2023 ist er Mitglied unserer Schreibwerkstatt „Satzgefüge“. Derzeit hat er gleich mehrere Romanprojekte in Arbeit. Seine zum Wettbewerb eingereichte Geschichte „After-Life-Service-Programm“ erzählt vom 98-jährigen Stefan, der nach seinem Ableben von eben einem solchen Service-Programm in Empfang genommen wird. Die digitale Assistentin Nirvana bietet ihm einen Deal an: Er soll sein Gehirn als kapitale Bio-Speicherplatte für die immer weiter anwachsenden Datenmassen zur Verfügung stellen. Als Gegenleistung werde er mit einem ewigen Nachleben in einem Scheinparadies seiner Wahl belohnt.
Humorvoll und ironisch spitz gegenüber den Heilsversprechen der Digitalindustrie und der Lebensoptimierer:innen ist die Geschichte sprachlich und dramaturgisch gut gefasst. Und wie hier als Antwort auf die Frage nach dem ewigen Leben die Vergänglichkeit und Einmaligkeit gefeiert wird, hat uns auch sehr gut gefallen. (TH)

Vera Lörks: Nur ein alter Koffer

Foto © Steffen Lörks

Vera Lörks lebt als Kinderbuchautorin in Kalkar. Ihr Geschichte „Nur ein alter Koffer“ war die einzige Einsendung, die sich explizit an Kinder richtete, und eine der wenigen, die aus Sicht einer nicht-menschlichen Figur erzählt wurde, nämlich aus der eines alten Koffers. Dieser gehörte der Urgroßmutter des Mädchens Victoria. Und als Victoria wie auch schon ihre Großmutter vor großer Gefahr fliehen muss, weiß der Koffer, welche Gegenstände sie auf ihrer Flucht brauchen wird.
Der Text erschien in der Ukraine-Anthologie „Und in der Nacht fielen Sterne vom Himmel. Texte für den Frieden“ des Bundesverbands junger Autor:innen (BVjA). Ort und Zeit bleiben darin unbestimmt, was den Eindruck verstärkt, dass dieses Schicksal jede Familie ereilen könnte. Die Dinge, die der Koffer gepackt hat und Victoria im richtigen Moment reicht, ermöglichen ihr, Verbindungen aufrecht zu erhalten, neue zu schaffen, bringen ihr Vorteile und machen ihr Mut. Dass Victoria auf diese Weise trotz der belastenden Situation Selbstwirksamkeit erfahren kann, hat uns als Botschaft für eine immer unsicherer erscheinende Welt überzeugt. (MJ)

Sorush Mozaffar Moghaddam: Die Nachtmilch

Foto © privat

Sorush Mozaffar Moghaddam ist Journalist und Autor aus dem Iran, der aufgrund seines Einsatzes gegen Zensur und für eine offene Gesellschaft sein Heimatland verlassen musste. Er lebt seit drei Jahren in Krefeld. „Die Nachtmilch“ (nach der Übersetzung ins Deutsche mit Unterstützung von Helmut Wenderoth überarbeitet) besticht mit Sprachkunst und Atmosphäre.
Ein Ich-Erzähler Anfang Vierzig blickt zurück auf eine Erinnerung aus seiner Kindheit, in der abends immer der Milchmann in seine Straße kam. Geschickt verwebt Mozaffar Moghaddam die Zauberhaftigkeit der Welt aus den Augen eines Siebenjährigen mit dem Wunsch des desillusionierten Erwachsenen, diese zu bewahren. Dass der Grund für den Verlust des Zaubers angedeutet statt auserzählt wird, hält die Geschichte in einer kunstvollen Schwebe. (MJ)

Platz 2

Tina Schlegel: Der Klang in dunklen Nächten

Foto © privat

Tina Schlegel (Kempen) ist Autorin, Kulturjournalistin und Leiterin von Schreibwerkstätten. Mit ihrer Geschichte „Der Klang in dunklen Nächten“ erinnert sie an Gideon Klein, einen Musiker und Komponisten, der als tschechischer Jude 1941 verhaftet und in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde. Es gelang ihm, in den drei Jahren seiner Gefangenschaft mit anderen Musikern das musikalische Leben im Lager zu gestalten. Einerseits konnte er Vorträge halten, komponieren und mit anderen Musiker für seine Mitgefangenen singen. Andererseits war er gezwungen, Konzerte für seine nationalsozialistischen Unterdrücker zu geben.
Die Geschichte ist sprachlich und formal herausragend und inhaltlich einfühlsam gestaltet. Durch die dreiteilige Struktur, in der die Autorin selbst als Figur auftritt, gelingt es Schlegel, eine auf Fakten beruhende Geschichte über ein Schicksal zu schreiben, ohne sich dieses anzueignen. Klein wird gezeigt als Musiker, dessen Leben zum bloßen Dasein reduziert werden sollte, und für den seine Kunst im Angesicht größter menschlicher Grausamkeit zum Mittel der Selbstbehauptung und zur Überlebensstrategie wurde, was sich in seinem letzten für ein Streichertrio komponierten Stück zeigt: „Jeder Ton war Suche nach Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt und gleichzeitig auch Zuflucht. Jeder Ton war Aufbegehren, ein großes, menschliches Trotzdem.“ (MJ)

Platz 1

Cornelius Gebert: Das Schlagloch

© Matthias Stutte

Cornelius Gebert (Krefeld) ist als Schauspieler des Theaters Krefeld und Mönchengladbach bestens bekannt. Noch nicht ganz so viele wissen, dass er auch Sänger und Autor ist. Wer ihn einmal als seine Kunstfigur Siggi Stardurst, dem letzten Mitglied der Band „Die Amarillos“, auf der Bühne erlebt und dabei seine klugen und sowohl komischen wie tragischen Texte hört, kann nur zum Fan dieses Trägers flauschiger Jogginganzüge werden.
Zum Wettbewerb hat Gebert allerdings etwas ganz anderes eingereicht, und zwar zu einem Thema, das die Krefelder:innen bis zum Erbrechen umtreibt: „Das Schlagloch“. „Oh je“, dachten wir, als wir den Titel sahen. Dieser Autor wird doch nicht etwa einen der zahllosen nervigen Facebook-Kommentare, die egal bei welchem Thema sofort auf den Zustand der Krefelder Straßen zu sprechen kommen, zu einer Geschichte aufgeblasen haben? Aber weit gefehlt!
Zum einen könnte die in der Geschichte beschriebene Stadt überall sein. Zum anderen und vor allem aber ist das im Titel erwähnte Schlagloch nur dazu da, die Hauptfigur wie einst „Alice in Wonderland“ in eine mirakulöse Parallelwelt stürzen zu lassen. Eine Erfahrung, die sich binnen weniger Sätze zum grotesken, durstgeplagten Albtraum entwickelt, dem sich der Held indes keineswegs jammernd unterwirft. Nicht nur rettet er sich, er kehrt sogar noch einmal um. Und so entlässt uns die Geschichte mit der Hoffnung auf einen Quentin-Tarantino-würdigen Rächer, der sich wider alle aussichtslose Verlorenheit gegen ein System auflehnt, in dem die Welt durch Steueroasen ausgedörrt wird. (TH)

Jetzt teilen