Am Freitag, den 26. Juni wurde es spannend im Niederrheinischen Literaturhaus: Die fünf Nominierten für den zweiten „Satzgefüge“-Schreibwettbewerb lasen ihre Texte vor und erfuhren, was daran die Jury aus vier langjährigen Satzgefüge-Mitgliedern überzeugt hatte. Sie erhielten Urkunden und Buchgutscheine. Wir gratulieren allen PreisträgerInnen und danken für die wunderbaren Vorträge!
Platzierungen und Laudationes
3. Platz. Dominic Droese: Der Palast der Spatzen
Werkstattleiterin Marlene Jäger: In „Der Palast der Spatzen“ folgen wir dem Gelehrten Maresh Halour auf einer Reise zu eben jenem mystischen Ort, dessen Lage jahrhundertelang unbekannt war. Mit den Wüstensetting, das reale und fantastische Elemente vermischt, schafft der Autor eine besondere Atmosphäre für seine Geschichte. Der Kontrast zwischen dem ruhigen Ton des Erzählers und der zunehmenden Verzweiflung der Figur, deren Vorhaben immer auswegloser erscheint, ermöglicht gleichzeitig Empathie und Distanz Halour und seinem Schicksal.
3. Platz. Hira Yousaf: Damals, Heute und für Immer
Jurymitglied Vanessa Berte: In Hiras Geschichte „Damals, Heute und für Immer“ begleiten wir Ayah, die von einer zunächst unbekannten Person verlassen wurde und mit diesem Verlust zu kämpfen hat. Hiras Werk hat uns besonders durch den Spannungsbogen gefesselt. Der Text spricht lange von einer unbekannten Person, einer sogenannten Sie, deren Identitäten wir erst im Laufe der Geschichte erfahren. Dadurch haben wir beim Lesen des Werkes stehts mitgerätselt, wer diese Person sein könnte.
Ebenso beeindruckt hat uns der Schreibstil der Autorin. Sie weiß ihre Worte zu nutzen, und dadurch eine Sprache zu verwenden, die gleichzeitig einfach und angenehm, aber auch geheimnisvoll und neugierig ist. Dadurch schafft sie es uns mit Ayah mitfühlen zu lassen. Die Trauer, die Verzweiflung und das Gefühle von Ungerechtigkeit haben wir miterleben dürfen.
3. Platz. Lea Tresemer: Der kleine Botaniker
Jurymitglied Leonie Falkowski: „Der kleine Botaniker“ haben wir als Kurzgeschichte gelesen, die von einem Jungen handelt, der nicht nur über großes Interesse, sondern auch über einen breiten Wissensschatz über die Flora verfügt. Angefangen mit der Frage, was Unkraut zu Unkraut macht und wer darüber zu entscheiden hat, lernt unsere Hauptfigur einen alten Herrn kennen, den dieselbe Frage umtreibt. Auf dem Weg zu seiner Berufung als „kleiner Botaniker“ erlebt der Junge bittere Rückschläge und muss sich selbst von seiner Begabung überzeugen.
Nicht nur zeichnet sich der Text durch gelungene Pflanzenbeschreibungen sowie das herrlich-skurrile Bild eines Mannes aus, der seine Tasse Brennnesseltee draußen trinkt: Uns haben besonders dieser Verlauf und die Wendung der Geschichte überzeugt. Neben einem breit gefächerten Wortschatz und vielerlei Sinneseindrücken haben uns die Erzählstimme wie auch die Pflanzenmotivik begeistert. Überzeugt hat die Botschaft, dass jede Pflanze von Wert ist – ein runder Abschluss, der an zwischenmenschliche Wertschätzung appelliert. Für uns ein auszeichnungswürdiger Text.
2. Platz. Lucia Rücker: Aus der Asche
Jurymitglied Lara Dittmann: „Aus der Asche“ ist ein Gedicht, das sein Spiel mit dem Feuer und all seinen Bedeutungen treibt. Es handelt von Neubeginn, Stärke, gefärbten Haaren und von all den Verbrennungen, die uns unsere Ängste kosten. Es nimmt uns mit auf eine Reise, die uns nicht mehr losgelassen hat. Wo zunächst nur Asche und Ruß an eine zerstörte Vergangenheit und einen gebrochenen Menschen erinnern, lernt unsere Figur, die Flammen, die sie all die Zeit über erstickt hat, endlich zu- und sich von ihrer Schönheit tragen zu lassen. Sie schöpft eine Kraft aus ihnen, die der Dunkelheit trotzt, genauso wie der Text selbst. Mit rotorangen Bildern, Worten, die unter die Haut gehen, und dem Kontrast zwischen erdrückendem Wasser und lebensspendenden Funken begleiten wir jemanden auf dem Weg, endlich zu sich selbst zu stehen.
1. Platz. Frieda Lucht: Dieser Text wurde mit HI geschrieben
Jurymitglied Julia Jagoda: Der Gewinnertext beginnt verspielt. Mit Witz, Tempo und sprachlicher Leichtigkeit erzählt er von unserer Beziehung zu Künstlicher Intelligenz. Wir schmunzeln über Staubsaugerroboter, Toaster und digitale Alltagshelfer. Die Sprache ist nahbar, pointiert und voller Einfälle.
Doch genau in dem Moment, in dem wir uns in dieser humorvollen Betrachtung eingerichtet haben, verändert der Text seinen Ton. Aus dem Spiel wird Nachdenklichkeit, aus der Beobachtung eine ernsthafte Frage: Was passiert mit uns, wenn Maschinen immer mehr können? Und was bleibt dann eigentlich noch menschlich?
Besonders beeindruckt hat uns als Jury, wie die Autorin diesen Wandel gestaltet. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit sprachlicher Präzision und einem feinen Gespür für Rhythmus und Wirkung. Der Text denkt laut, zweifelt, widerspricht sich stellenweise sogar und gewinnt gerade dadurch an Glaubwürdigkeit. Er liefert keine einfachen Antworten, sondern eröffnet einen Raum für Fragen, die uns alle betreffen. Am Ende erinnert er uns daran, dass Wissen und Verstehen nicht dasselbe sind. Dass Daten keine Erinnerungen ersetzen. Und dass Fehler, Gefühle und Erfahrungen genau das sind, was Menschsein ausmacht.
Für diese kluge Komposition, ihre sprachliche Eigenständigkeit und ihren Mut, eine hochaktuelle Debatte nicht technisch, sondern zutiefst menschlich zu führen, zeichnen wir „Dieser Text wurde von HI geschrieben“ mit dem 1. Platz des 2. Satzgefüge-Schreibwettbewerbs aus.
